Mit dem Rudelchef im Restaurant
von Sabine Nölke

Wenn jemand zum 70sten Geburtstag einlädt, dann hat er zumindest Gäste mit gepflegtem Outfit verdient. Lädt das Geburtstagskind den kleinen Familienkreis auch noch in ein Schloss, dann sollten auch die Manieren stimmen.

„Wir haben extra einen Tisch im hinteren Teil des Restaurants gewählt“, meine Mutter will am 70sten Geburtstag meines Vaters nichts dem Zufall überlassen. „Da hat Wanda dann genug Platz.“ Es ist normalerweise kein Problem, einen Hund mit in ein Restaurant zu nehmen. Mein Hund ist ein wenig sperrig, misst über 80 Zentimeter bis zur Schulter und dann ist da ja auch noch der Kopf und ein enorm langer Schwanz … Wohlerzogen ist die Deerhounddame und bislang hat sie sich noch in jedem Lokal von ihrer besten Seite gezeigt. Für das gepflegte Outfit sorgt eine feine Drahtbürste, eine Abreibung mit lauwarmem Essigwasser und ein Halstuch mit Schottenkaromuster.

Das ist ja albern, so gehe ich nicht mit euch“, protestiert mein Gatte und so tausche ich das Tuch gegen ein Brokathalsband mit Troddeln. Nun ereifert sich mein Hund, legt den Kopf schief und neigt ihn tief herab, um die baumelnden Bommeln abzuzupfen. Hier ist nun meine Qualität als Rudelchef gefragt – die Bommeln bleiben dran!

Das Schloss ist von einem herrlichen Park umgeben. Wir machen vor dem Essen einen kleinen Rundgang. In der Dämmerung wird es nicht auffallen, wenn unser Hund sich noch einmal erleichtern möchte. Natürlich habe ich jede Menge Plastiktüten dabei. Mein grauer Zottelhund ist nicht nur sperrig, auch seine Hinterlassenschaften sind bisweilen überdimensioniert. So trotten wir dahin, hinter uns die große Graue, die gar nicht daran denkt, ein Häufchen zu machen, so nett ich sie auch darum bitte. Mein Vater wird bereits ungeduldig und mein Mann verkündet, ich solle doch mit Wanda im Park bleiben, er würde mit dem Jubilar schon einmal ein Bierchen leeren. So kehre ich zum zweiten Mal an diesem Abend den Rudelchef raus: „Dann kneifst du eben für ein paar Stunden mal alles zusammen“, gifte ich meinen unwilligen Hund an, „und untersteh dich deine Gase im Restaurant zu verteilen.“ Jeder, der einen Hund hat, wird verstehen, was ich meine. Es ist unangenehm, wenn der Hund unter Beobachtung dutzender Passanten einen riesigen Haufen macht, aber wenn ihm im vollbesetzten Lokal Winde entweichen, dann ist das höchst peinlich.

Der Ober ist zu reizend. Mein schottischer Edelhund wird auf eine Wolldecke gelegt und erhält einen silbernen Napf mit Wasser. „Platz!“ Die Gäste am Nachbartisch werfen einen bewundernden Blick zu uns herüber. Ich rücke den Stuhl zurecht und widme mich lässig der Speisenkarte. Ein Nasenstüber meines Hundes und ein Tätscheln mit der Pfote – hach, es ist ja so schön, einen wohlerzogenen Vierbeiner zu haben. Die Dame am Nebentisch nickt lächelnd in unsere Richtung. Der Platz, auf dem die Graue liegt, ist ein wenig unruhig. Kellner steigen mit gefüllten Tellern über sie, weil sie unbedingt von rechts servieren müssen und nicht ausnahmsweise mal von vorn quer … Als gerade ein Teller über sie hinwegsaust, steht sie auf, zum Glück ohne dass ein Unglück geschieht. „Plaaaatz!“ Sie schnüffelt an der Decke – wer hat da wohl zuvor seine Duftspuren hinterlassen? Kaum auf dem Bauch, erhebt sie sich wieder. Ihr Blick sagt, dass sie unbedingt nun doch einmal raus muss. Ich lege die Speisenkarte weg, meine Bestellung habe ich ja bereits abgegeben und es wird gewiss noch etwas dauern, bis die Vorspeisen serviert werden.

Es ist finster im Park und mein Hund macht einen Haufen im Gebüsch. Dorthin kann ich unmöglich folgen und so beschließe ich, ihn dort liegen zu lassen. Zufrieden kehren wir ins Restaurant zurück, wo bereits die Vorspeisen warten. „Platz!“ Ein Kellner kommt an den Tisch und bringt meinem Gatten Spaghetti mit frischen Trüffeln. Vom Geruch wird mir übel – ich hasse Trüffel! Meine Wanda springt auf, ihre Nasenflügel beben, ich habe Mühe sie zu halten. Nun folgt ein wahrer Machtkampf. Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Esel dazu zu bewegen, sich über ein Hindernis zu bewegen, der kann sich vorstellen, welches Schauspiel sich den Restaurantgästen bot. Ich sagte es leise und drohend, freundlich und bestimmt, säuselnd und bittend und verzweifelt und hysterisch. „Wenn du dich sehen könntest“, sagt mein Mann zwischen zwei Happen Spaghetti. „Bring sie dazu sich hinzulegen, das kann ja nicht so schwer sein.“ Mein Blutdruck ist in diesem Moment wahrscheinlich mit einem normalen Gerät nicht mehr zu bestimmen. Ich nehme an, meine Gesichtsfarbe ist von ähnlichem Ton wie das weinrote Brokathalsbandes meiner Deerhounddame. Zum dritten Mal an diesem Tag will ich klarstellen, dass ich das Sagen habe. Ich packe die Leine, ziehe meinen Hund hinter mir her, nehme schwungvoll eine Kurve, die Leine schwingt hinter mir her und trifft mit dem Karabinerhaken zielsicher ein Bierglas, das von der Theke stürzt und geräuschvoll am Boden landet. Ich murmle eine Entschuldigung, mein Gesicht ist wahrscheinlich dunkelviolett, und trabe zum Parkplatz. Dort schiebe ich den unwilligen schottischen Hochlandesel ins Auto und stolziere erhobenen Hauptes zum Tisch zurück, wo ich es vermeide, die Dame vom Nachbartisch anzusehen.

Die Vorspeise ist kalt und ich trinke einen großen Schluck Grauburgunder. Langsam wird mir kühler. Wir sprechen über dies und das, und meine Gedanken wandern zum Parkplatz, ins Auto, zu meinem Hund. Ist es nicht ein sicheres Zeichen für eine Magendrehung, wenn ein Hund nicht liegen will, hechelt und viel Durst hat? Bis zum Hauptgang dauerte es bestimmt noch etwas. „Ich muss mal kurz …“, empfehle ich mich, den Autoschlüssel nehme ich mit. Mein Mann grinst. Der Hund werde bestimmt auch noch in einer Stunde leben. Pah! Bei einer Magendrehung kommt es auf Sekunden an. 

„Ja, sie lebt.“ Ich setze mich und trinke wieder einen Schluck Burgunder. „Aber sie hechelt und hat bestimmt Durst.“ Bis das Hauptgericht kommt, scheinen Stunden zu vergehen. Ich bin der Chef, aber je mehr meine Wut verfliegt, desto mehr wächst die Sorge um den einsamen Hund. Es gibt noch Kaffee und Dessert – dann schließlich die Rechnung. Alles, ohne dass ich noch einmal nach Wanda sehe.

Mit fliegendem Mantel eile ich zum Auto. Da sitzt mein Esel. Ganz brav auf dem Hinterteil, mit gesenktem Blick, hechelnd und das Pfötchen nach uns ausstreckend. Ein Bild des Jammers. Meine Wut ist längst verraucht, nun erfüllt mich ein schlechtes Gewissen und ich gebe ihr ihre Lieblingsleckerchen.

Es war ein schöner Abend, trotz alledem. Beim nächsten Mal suche ich einen Hundesitter oder wir gehen in ein ruhiges, geräumiges Eckchen in einem Restaurant, in dem ich zuvor mit meinem Hund mal zum Probeliegen gehe ...

Wer keinen Hund hat, kann das sicher nicht nachvollziehen – aber der wird diese Geschichte auch weder mögen noch lesen …