Vom unbeugsamen Willen eines jungen IW
von Alice Thaller

Philipp als Teil meines Lebens zu bezeichnen, würde der Wahrheit nicht entsprechen. Er ist der Mittelpunkt unserer Familie und alles dreht sich um ihn. Die Zeiten, in denen er uns als Welpe verzaubert hat, sind unvergesslich. Heute ist er fast ein Jahr alt und seine Persönlichkeit hat sich größtenteils entfaltet. Mit einer erstaunlichen Vehemenz fordert er ein, was er begehrt und versucht auf charmante Weise herauszufinden, wie groß seine Unwiderstehlichkeit ist.

Er ist ein wirklich unkomplizierter Hund, nur selten gelang es ihm, mich fast verzweifeln zu lassen. So wie an jenem Tag, als mich meine Muskelverspannungen in der Wohnung einer Shiatsu-Therapeutin landen ließen. Philipp begleitete mich, denn erfahrungsgemäß benahm er sich in fremden Umgebungen beispielhaft. An diesem Tag wollte er mich jedoch eines Besseren belehren.

Die Schmerzen im Rückenbereich waren bereits unerträglich und ich erhoffte mir sehr viel von der alternativen Heilmethode. Von einer kleinen, zierlichen, jungen Dame wurden wir herzlichst begrüßt und ich beantwortete gern ihre Fragen über die von mir mitgebrachte, graue Kuh! Philipp stand brav neben mir und ließ sich die Ohren kraulen.

Dann war es soweit. Wir wurden in das große Wohnzimmer geführt, wo bereits eine Matte einladend am Boden lag. Daneben stand ein sehr niedriger Tisch, auf dem eine Schüssel mit Keksen stand. Die Wohnung bestand aus wenigen, aber großen Zimmer und seltsamerweise waren alle Türen entfernt. Meine Therapeutin meinte, dass auf diese Weise eine optische Raumvergrößerung gewährleistet sei.

Nungut, ich bat Philipp sich im Wohnzimmer hinzulegen und ging tatsächlich davon aus, dass es damit getan war. Philipp legte sich hin und beobachtete mich, wie ich selbst auf der Matte Platz nahm. Gerade als ich lag, stand er wieder auf und begann sich das Wohnzimmer anzusehen. Ich rief ihm zu, sich wieder hinzulegen, aber er fand es nicht mal der Mühe wert, mir einen Blick zuzuwerfen. Die Therapeutin meinte, das wäre schon in Ordnung, solange er nichts kaputt macht. „Nein“, beteuerte ich, „das macht er nicht!“ und schluckte insgeheim. Ich wurde gebeten mich völlig zu entspannen und loszulassen. Leichter gesagt, als getan, denn ich versuchte Philipp nicht aus den Augen zu lassen. Die Massage begann und ich muss zugeben, sie war wunderbar! So entschied ich mich, die Augen zu schließen und nur auf die Geräusche zu achten, die Philipp verursachte, um etwaige Katastrophen rechtzeitig zu verhindern.

Gerade als mein Körper begann schwer zu werden, riss mich ein kurzer Schrei aus der Entspannung. Philipp wollte wissen, was da vor sich ging und schlich sich an die junge Frau heran, die ja neben mir auf der Matte kniete und schnüffelte ihr von hinten ins Ohr. Sie erschrak und wie sich herausstellte, beschränkten sich ihre Erfahrungen mit Hunde auf das Ansehen von „Lassie“ im Fernsehen.

Ich stand wieder auf, nahm Philipp am Halsband und legte ihn zwei Meter entfernt von uns ab. Diesmal bat ich ihn eindringlicher doch „Platz“ zu machen. Er sah mit runden Augen durch die Stirnhaare, die ihm so nett ins Gesicht fallen und blickte mich unschuldig an. Er wirkte sehr einsichtig und ich war guter Hoffnung, dass er nun Ruhe gab. Ich nahm wieder auf der Matte Platz und schloss die Augen. Die Massage wurde fortgesetzt und ich spürte einen wohltuenden Schmerz an den verhärteten Stellen.

Aber schon nach wenigen Augenblicken vernahm ich jene unverkennbaren Geräusche, wenn Philipp aufsteht. Ein Stossgebet sollte ihn einfach nur herumgehen und nichts anstellen lassen. Aber der Himmel meinte es nicht gut mit mir. Nach einem kurzen Moment der Stille, drangen eindeutige, malmende Geräusche an mein Ohr. Es wirkte fast beruhigend, bis mir mit Schrecken die viel zu niedrig platzierten Kekse am Tisch einfielen! Die Therapeutin schrie: “Oh nein!“ Ich sprang wieder auf, packte Philipp am Halsband und sagte mein obligatorisches: „Weg vom Tisch!“ Wenig beeindruckt wandte sich Philipp ab und schluckte lautstark runter. Überall lagen Krümel und es knirschte unter meinen Füssen, als ich die Leine holte, die ich im Vorzimmer abgelegt hatte. Ich leinte das Untier an und bat ihn erneut „Platz“ zu machen. Diesmal unmittelbar neben der Matte. Der anfangs sehr freundliche Gesichtsausdruck der jungen Dame war einem sorgenvollen Blick gewichen.

Die Effizienz der Behandlung sei wirklich nur durch Entspannung gegeben und ihre Arbeit umsonst, wenn ich es nicht schaffe, länger als zwei Minuten ruhig zu liegen, meinte sie. Ich überschlug mich förmlich mit Entschuldigungen und versprach nun ernsthaft mitzuarbeiten. Schließlich wurde mir diese Therapeutin sehr empfohlen und nach den vielen erfolglosen Behandlungen davor, wollte ich es mir mit ihr nicht verscherzen. Philipp lag neben mir am Boden und ich hielt eisern die Leine in der Hand, während die Therapeutin mit einem lauten Seufzen die Behandlung fortsetzte.

Es waren mir nur wenige Momente gegönnt. Philipp begann leise zu weinen. Ich kannte dieses Raunzen nur zu gut. Es war Ausdruck von Unzufriedenheit und immer Vorzeichen einer rebellischen Aktion. Ich zischte ihm zu: “Jetzt bist du ein paar Minuten brav, hörst du?“ Darauf folgte ein kurzes, lautes Jaulen, grob übersetzt: „Mir ist langweilig und völlig egal, was du willst!“ und fast in der gleichen Sekunde erhob er sich. Da er schon wusste, dass ich dagegen war, beeilte er sich schnell wegzukommen und schleifte mich ein wenig samt Matte davon, weil ich mich weigerte die Leine loszulassen. Dabei rammten wir die arme Therapeutin, die mit einem weiteren Seufzen ihre Arbeit erneut unterbrach. Ich entschuldigte mich wieder und hatte dabei ein tolle Idee.

Ich fragte sie, ob sie ein altes Stück Brot zuhause hatte, denn Philipp mag es, an hartem Gebäck zu knabbern und ist meist einige Zeit damit beschäftigt. Glück gehabt! Sie gab ihm eine harte Semmel, die er erfreut nahm und sich gleich ein Plätzchen suchte, um sich niederzulassen. Ich war erleichtert.

Die Massage wurde weitergeführt. Diesmal schaffte ich es, mich wirklich zu entspannen. Solange ich die knirschenden Geräusche aus Philipp’s Richtung hörte, war ich beruhigt und genoss einfach nur die Behandlung. Dann wurde es ruhig. Ich flehte Philipp in Gedanken an, liegen zu bleiben.

ber nein! Ich öffnete die Augen und sah Philipp, seine Semmel anstarrend, die ungefähr einen Meter von ihm entfernt lag. Irgendwie war sie ihm abhanden gekommen und es ging nicht anders, als wieder aufzustehen. Das tat er auch und eröffnete zur selben Zeit ein neues Spiel. Er stürzte übermütig auf die Semmel zu, packte sie, warf sie über seinen Kopf und jagte hinterher. Der glatte Parkettboden tat sein übriges und Philipp rutschte und sprang in dem Wohnzimmer von einer Ecke in die andere. Diesmal seufzte ich, während die Therapeutin hartnäckig versuchte Philipp zu ignorieren. Es gelang ihr genau bis zu dem Zeitpunkt, als er sie beim Vorbeilaufen rammte und sie kopfüber auf meinen Rücken fiel.

Es war mir furchtbar peinlich und nachdem ich mich ein weiteres Mal aufsetzte, schlug ich ihr vor, die Behandlung abzubrechen und irgendwann ohne Philipp fortzusetzen. Doch sie lehnte ab. Nachdem sie ihren Blick über den Boden des Zimmers schleifen ließ, der über und über mit Krümel von Keksen und hartem Brot übersät war, kam sie zu dem Schluss, dass sie die Behandlung zu Ende führen wollte. Es könnte nicht mehr viel schlimmer werden, meinte sie. Doch sie täuschte sich! Sie lehnte meinen Vorschlag ab, den Boden aufzukehren und bat mich nun schon in einem schärferen Ton mich hinzulegen. Ich gehorchte und schloss bereits etwas gleichgültig die Augen. Ich hielt eine Steigerung auch nicht für möglich, aber ich sollte sie erleben.

Nach einigen Minuten einer diesmal ungestörten Massage, beunruhigte mich diese unheilbringende Ruhe, die plötzlich herrschte. Das konnte kein gutes Zeichen sein! Vorsichtig öffnete ich die Augen und blickte herum. Ich sah Philipp nicht und meine Beunruhigung steigerte sich. Ich blickte zu dem Türrahmen, der in das nächste Zimmer führte. Es war das Schlafzimmer und aus meiner Position konnte ich ein Drittel des Bettes sehen. Plötzlich sprang etwas von der rechten Seite in mein Blickfeld. Es war natürlich Philipp, der bestens gelaunt mit einem Sprung in dem Bett landete. Trotz des kurzen Augenblickes konnte ich erkennen, dass er irgendetwas im Maul hatte. Ich stürzte auf und eilte in das Schlafzimmer, verfolgt von der nun endgültig gereizten Therapeutin.

Philipp lag in dem mit Spitzenlaken überzogenem Bett und kaute zufrieden an einem Plüschtier herum. Die Therapeutin stieß ihr bereits bekanntes „Oh nein!“ heraus und drehte sich ungläubig zu dem hinter uns stehenden Regal um. In diesem standen wahrscheinlich all die Plüschtiere, die jetzt, mit Speichel befeuchtet, am Boden zerstreut herumlagen. Philipp hatte ganze Arbeit geleistet. Während ich versuchte Philipp von dem Bett zu zerren und ihm die halb zerrissene Plüschmaus aus dem Maul zu nehmen, stotterte die Therapeutin: “ Die habe ich alle von meinem Verlobten bekommen!“

Damit war meine erste und letzte Behandlung beendet und trotz meiner innigen Bitte beim Aufräumen helfen zu dürfen, wurde ich nur gebeten zu gehen. Aus Höflichkeit versicherte sie mir noch bei der Tür mich wegen eines weiteren Termins anzurufen, aber schon beim Verlassen des Hauses wusste ich, dass dieser Anruf niemals kommen wird. Und so war es auch. Ich nahm es ihr nicht übel und bin jederzeit wieder für eine Entschuldigung bereit, natürlich auch beim Verlobten.

So spielt das Leben mit einem jungen Irish Wolfhound und obwohl mich immer noch Rückenschmerzen quälen, möchte ich im Nachhinein diesen Nachmittag nicht missen.